Liebesgedicht
Deine
Augen bestehen aus den sechs Elementen -
Erde,
Wasser, Feuer, Luft,
Raum
und Bewußtsein.
Sie
bestehen nur aus diesen,
aber
sie sind schön.
Sollte
ich sie in Besitz nehmen?
Sollte
ich versuchen, sie für lange Zeit zu erhalten?
Sollte
ich sie aufnehmen, bewahren?
Aber
ich weiß, wenn ich sie aufnehmen würde,
wären
sie nicht wirklich deine Augen.
Deine
Stimme besteht aus den sechs Elementen,
aber
sie ist wirklich bezaubernd.
Sollte
ich versuchen, sie in Besitz zu nehmen?
Sollte
ich sie aufnehmen?
Aber
ich weiß, daß das, was ich bewahren oder aufnehmen
könnte,
niemals
wirklich deine Stimme wäre.
Was
ich erhielte, wäre nur ein Bild,
eine
Tonbandaufnahme, eine Zeichnung oder ein Buch.
Dein
Lächeln besteht aus den sechs Elementen,
aber
es ist wirklich wundervoll.
Sollte
ich versuchen, es in Besitz zu nehmen?
Sollte
ich versuchen, es für lange Zeit zu erhalten?
Sollte
ich versuchen, es zu besitzen oder aufzunehmen?
Aber
ich weiß, daß das, was ich besitzen oder aufnehmen
könnte,
niemals
dein wahres Lächeln wäre.
Es
wären doch nur einige der Elemente.
Deine
Augen sind vergänglich.
Deine
Augen sind nicht da.
Ja,
das wurde mir gesagt,
und
ich habe es auch erkannt,
und
dennoch sind sie noch immer schön.
Gerade
weil sie vergänglich sind,
sind
sie um so schöner.
Die
Dinge, die nicht lange erhalten bleiben,
sind
die allerschönsten -
eine
Sternschnuppe, ein Feuerwerk.
Gerade
weil sie ohne Selbst sind,
macht
sie das um so schöner.
Was
hat ein Selbst zu tun mit schönen Augen?
Ich
möchte deine schönen Augen betrachten,
auch
wenn ich weiß,
daß
sie nicht bleiben,
auch
wenn ich weiß,
daß
sie kein Selbst besitzen.
Deine
Augen sind wunderschön.
Mir
ist bewußt, daß sie vergänglich sind.
Was
aber spricht gegen Vergänglichkeit?
Könnte
ohne Vergänglichkeit überhaupt etwas sein?
Deine
Augen sind wunderschön.
Mir
wurde gesagt, sie sind nicht du, sie haben kein Selbst.
Was
aber spricht gegen die Natur des Nichtselbst?
Könnte
mit einem Selbst überhaupt etwas existieren?
Obwohl
nun deine Augen nur aus den sechs Elementen bestehen,
obwohl
sie vergänglich sind,
obwohl
sie nicht du sind,
sind
sie noch immer schön,
und
ich möchte sie betrachten.
Ich
möchte sie so lange anschauen, wie es sie gibt.
Im
Wissen, daß deine Augen vergänglich sind,
erfreue
ich mich an ihnen, versuche aber nicht,
sie
für immer zu bewahren,
versuche
nicht, sie festzuhalten, sie aufzunehmen
oder
in Besitz zu nehmen.
Ich
liebe sie einfach und bleibe frei.
Wenn
ich deine Augen liebe,
lerne
ich, sie ganz tief zu lieben.
Ich
sehe die sechs Elemente, die sie ausmachen,
die
sechs wundervollen Elemente.
Diese
Elemente sind so schön.
Und
ich lerne, auch sie zu lieben.
Es
gibt so viele Dinge, die ich liebe -
deine
Augen, den blauen Himmel,
deine
Stimme, die Vögel in den Bäumen,
dein
Lächeln und die Schmetterlinge auf den Blumen.
Jeden
Augenblick lerne ich,
ein
besserer Liebender zu sein.
Jeden
Augenblick lerne ich,
meine
wahre Liebe zu entdecken.
Deine
Augen sind schön.
Auch
deine Stimme, dein Lächeln,
der
Himmel,
die
Vögel,
die
Schmetterlinge.
Ich
liebe sie. Ich gelobe, sie zu schützen. Ja,
ich
weiß, lieben bedeutet respektieren.
Und
Ehrfurcht
ist
die Natur meiner Liebe.
(Von
Thich Nhat Hanh „Nenne mich bei meinen wahren Namen“ Herder
Spektrum)
Der
Autor
Thich
Nhat Hanh, geb. 1926 in Vietnam, Zenmeister und Friedensaktivist.
Thich Nhat Hanh wurde im Alter von 16 Jahren buddhistischer Mönch.
In den 50er Jahren gründeten er und seine Ordensbrüder und
-schwestern eine Bewegung, die als „Engagierter Buddhismus“
bekannt wurde, um Ihrer Zeit ihre Religion aufzuschließen. Er
ist Autor von über 30 Büchern und reist weltweit, um andere
die „Kunst des achtsamen Lebens“ zu lehren. Er lebt in
südfranzösischen Plum Village